ARTEMIS Digital
Demenz
Mit ARTEMIS Digital wurde ein Projekt realisiert, das seine Wirksamkeit bereits in einem früheren, wegweisenden Forschungskontext eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte. Aufbauend auf dem erfolgreichen Praxis-Forschungsprojekt ARTEMIS (ART Encounters: Museum Intervention Study), das zwischen 2014 und 2017 mit den Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt und dank der großzügigen Förderung der Familie Schambach-Stiftung realisiert werden konnte, ist am Städel Museum ein digitales Kunstangebot entstanden, das in mehrfacher Hinsicht Neuland betritt. Während die ursprünglichen Kunstbegegnungen im Museum auf thematischen Führungen und anschließender kreativer Arbeit im Atelier beruhten und den emotionalen wie kommunikativen Austausch zwischen Menschen mit Demenz und ihren begleitenden Angehörigen in den Mittelpunkt stellten, eröffnet die digitale Weiterentwicklung dieses Ansatzes nun einen wesentlich erweiterten Zugang, – zeitlich, räumlich und sozial.
Präsenzgebundene Formate bleiben naturgemäß an feste Orte, Zeiten und Gruppengrößen gebunden und erreichen daher nur einen begrenzten Kreis von Teilnehmenden. Für viele Menschen mit Demenz stellen Anreise, Ortswechsel und institutionelle Rahmen ohnehin eine erhebliche Belastung dar; für in Pflegeeinrichtungen lebende Personen oder für Menschen in ländlichen Regionen sind entsprechende Angebote häufig kaum erreichbar. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre, die Corona-Pandemie, haben darüber hinaus in aller Deutlichkeit gezeigt, wie fragil soziale und kulturelle Teilhabe gerade für alte und chronisch kranke Menschen unter Bedingungen von Isolation und eingeschränkter Mobilität geworden ist. ARTEMIS Digital setzt genau an dieser Stelle an: als niedrigschwellige, kostenfreie und ortsunabhängig nutzbare Webapplikation, die kulturelle Teilhabe nicht an physische Präsenz bindet, sondern in den Alltag der Betroffenen und ihrer Begleitpersonen hineinträgt.
Ziel des Projekts ist es, die Beziehung zwischen den an Demenz erkrankten Menschen und ihren Angehörigen beziehungsweise Pflegenden zu stärken und zugleich das emotionale Wohlbefinden sowie die Lebensqualität der Betroffenen zu fördern. Die gemeinsame Beschäftigung mit Kunst wird dabei nicht als bloße Rezeption verstanden, sondern als dialogisches Geschehen: Kunstwerke eröffnen Gesprächsanlässe, wecken Erinnerungen, schaffen Resonanzräume und ermöglichen Formen der Verständigung, die jenseits des rein sprachlichen Ausdrucks liegen. Zugleich regen die in die Anwendung integrierten kreativen Praxisanteile dazu an, das Gesehene gestalterisch weiterzuführen und in eine eigene, sinnlich erfahrbare Form zu überführen. Auf diese Weise verbindet ARTEMIS Digital ästhetische Erfahrung, biografische Anknüpfung und soziale Interaktion zu einem gemeinsamen Erleben, das gleichermaßen aktivierend wie entlastend wirken kann.
Dass dieser Ansatz auf tragfähigem Fundament ruht, belegen die umfassenden Forschungsergebnisse des ursprünglichen ARTEMIS-Projekts. Erstmals konnte im deutschsprachigen Raum die Machbarkeit und therapeutische Wirksamkeit einer speziellen kunstbasierten Museumsintervention für Menschen mit Demenz wissenschaftlich nachgewiesen werden. Die Studie zeigte signifikante Verbesserungen der subjektiv wahrgenommenen Lebensqualität der Teilnehmenden sowie eine Reduktion von Apathie und depressiven Symptomen. Auch auf Seiten der begleitenden Angehörigen ließen sich eine deutliche Steigerung des Wohlbefindens und eine Verbesserung depressiver Belastungen feststellen.
Besonders aufschlussreich war dabei, dass biografisch anschlussfähige Themen – etwa „Familie und Kinder“, – eine besonders starke Zunahme emotionalen Wohlbefindens bewirkten. Diese Erkenntnisse bilden einen zentralen Ausgangspunkt für ARTEMIS Digital, dessen Konzeption sich konsequent an der Lebenswelt, den Bedürfnissen und Ressourcen der Zielgruppe orientiert. Inzwischen konnte auch für die digitale Weiterentwicklung selbst die Wirksamkeit des Ansatzes empirisch untermauert werden. Die Mediziner des Arbeitsbereichs Altersmedizin der Goethe-Universität Frankfurt haben im Rahmen einer begleitenden Studie nachgewiesen, dass ARTEMIS Digital vergleichbare positive Effekte auf Menschen mit Demenz und ihre Begleitpersonen entfalten kann. Die Ergebnisse zeigen, dass die digitale Umsetzung nicht nur eine Erweiterung des bestehenden Angebots darstellt, sondern dessen zentrale Wirkmechanismen, insbesondere im Hinblick auf emotionales Wohlbefinden, Beziehungsqualität und Aktivierung vorhandener Ressourcen, erfolgreich in den digitalen Raum überträgt.
