MeerWissen – unseren blauen Planeten digital erleben

Seit 1974 gehört der große Meeresglobus zu den Wahrzeichen des MEERESMUSEUMs in Stralsund. In den museumseigenen Werkstätten von Hand gefertigt, zeigte die Kugel mit 2,12 Metern Durchmesser die Erde nicht nur geografisch: Mehr als 400 Lämpchen markierten Tiefseegräben, Korallenriffe, Eisgrenzen und die damaligen Fischereigebiete der DDR. Fast fünf Jahrzehnte drehte sich der Globus im Foyer – rund sieben Millionen Mal.

Mit der Modernisierung des MEERESMUSEUMS stellte sich die Frage: Was wird aus diesem vertrauten, technisch aber überholten Exponat? Die Entscheidung lautete: Erneuern statt ersetzen, unter Nutzung der Möglichkeiten des digitalen Zeitalters.

expotec Mainz restaurierte den historischen Globus und baute ihn für seine neue Funktion als Projektionsfläche um. Eine besondere konstruktive Herausforderung war die neue Aufhängung unter der Gewölbedecke der ehemaligen Kirchenhalle: Das dafür erforderliche 50 Kilogramm schwere Stahlgerüst in der Kugel musste im Inneren zusammengeschweißt werden.

Die medientechnische Umsetzung realisierte gemelo Hamburg. Fünf Full-HD-Projektoren bespielen die rund 14 Quadratmeter große Globusoberfläche – vier von den massiven Säulen der ehemaligen Klosterkirche aus, einer von unten. Ein VIOSO Anystation Mediaserver mit PIXERA Player und VIOSO Mapper überträgt die im 2:1-Panoramaformat produzierten Filme auf die Kugel. Ein Mapping-Algorithmus fügt die fünf Projektionen zu einem nahtlosen Gesamtbild zusammen. Rund 100 Meter HDMI-Kabel sowie 1,5 Kilometer Audio- und Stromleitungen verbinden die Installation.

Die wissenschaftlichen Inhalte entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Aus mehr als 50 globalen Datensätzen entwickelte ein dreiköpfiges Team – Nils Sparwasser (DLR) sowie Dorit Visbeck-Liebers und Burkard Baschek (Deutsches Meeresmuseum) – die Geschichten für drei Kurzfilme. Dabei werden weltumspannende Zusammenhänge nicht nur erklärt, sondern unmittelbar auf der Erde sichtbar gemacht.

Im ersten Film wird sprichwörtlich das Wasser der Ozeane „abgelassen“: Gebirgszüge, Tiefseegräben und andere verborgene Landschaften des Meeresbodens treten hervor und machen die Geologie unseres Planeten sichtbar. Der zweite Film zeigt den Ozean als Klimamotor und veranschaulicht seine globalen Strömungssysteme. Der dritte richtet den Blick auf den zunehmenden Einfluss des Menschen auf den Lebensraum Meer – vom weltweiten Schiffsverkehr und Unterwasserlärm über Überfischung und Biodiversitätsverlust bis zu Meeresschutz und Möglichkeiten einer nachhaltigen Nutzung.

Auch die Dimension der Produktion bleibt den Besucher:innen weitgehend verborgen: Die Animationen umfassen 74 106 Einzelbilder mit 6000 × 3000 Pixeln, 16 Bit Farbtiefe und 60 Frames pro Sekunde – mit einem Datenvolumen von 1,93 Terabyte.

Zwischen den Filmen schaffen kurze Sequenzen Momente zum Innehalten. Eine davon lässt den historischen Globus von 1974 digital wieder erscheinen – ein Wiedererkennungsmoment für langjährige Museumsgäste. Vier Tafeln an den Säulen erzählen ergänzend die Geschichte vom handgefertigten Exponat zum digitalen Globus.

Auf bequemen Liegen direkt unter dem schwebenden Globus erleben die Besucher:innen die Erde nicht auf einem Bildschirm, sondern als Planeten. Bilder und Klänge lassen sich in entspannter Atmosphäre aufnehmen. Der digitale Globus bildet so einen atmosphärischen und inhaltlichen Höhepunkt innerhalb des Rundgangs durch das MEERESMUSEUM.

Der Globus erzählt damit zugleich von 50 Jahren Wandel musealer Vermittlung: Was 1974 mit handgezeichneten Kontinenten, Getriebemotor mit Keilriemen und Hunderten Lämpchen begann, wird heute mit Satellitendaten, wissenschaftlichen Visualisierungen und Storytelling fortgeführt. Die aufwendige Technologie bleibt dabei bewusst im Hintergrund. Sie verwandelt ein historisches Original, erschließt es neu und macht die Erde als Ganzes und ihre Meere als globales System erfahrbar.

Aus dem Wahrzeichen von 1974 ist ein digitaler Erlebnisraum unseres blauen Planeten geworden.