Digitale Denkräume – Die Critical Thinking Stations des Deutschen Auswandererhaus

Kurze Beschreibung

Die „Critical Thinking Stations“ (kurz CTS) sind digitale Denkräume, in denen Besuchende ihre Meinungen und Erfahrungen zum Thema Migration teilen und in Frage stellen können. Dadurch sind die CTS eine interaktive, partizipative Metaebene, durch die die Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhauses tagtäglich lebendig die Meinungen der Besucher:innen widerspiegeln kann.

Lange Beschreibung

Mit den „Critical Thinking Stations” (kurz: CTS) können die Besucher:innen des Deutschen Auswandererhauses ihre eigene Meinung zu Migrationsthemen in Frage stellen. Auf ihrem Rundgang durch das Erlebnismuseum können sie an 5 Stationen 15 Fragen beantworten, indem sie multiperspektivische Antworten mit ihren eigenen Standpunkten abgleichen. Die Antworten werden anonym gespeichert und können am Ende des Museumsbesuches an den sogenannten „Deep Dive“-Stationen noch einmal angesehen und auch geändert werden – ganz im Sinne des critical thinkings. Abschließend sehen Besucher:innen auf einer großen Videowall die gesammelten Antworten aller Teilnehmenden statistisch aufbereitet. Dies ermöglicht das Miteinanderdenken aller Besuchenden, lädt ein zum Austausch und ermöglicht die Verortung der eigenen Antworten der „Denkreise“ durch das Museum.

Die Technik hinter den CTS versteht sich als innovative Ergänzung der Museumserfahrung und nicht als technologisches Add-on. Durch die Entwicklung mit Touchbeamern und -screens, interaktiven Lichtprojektionen und hochwertigen Gestaltungselementen erweitern die Stationen das Ausstellungserlebnis. Die Auswertungswand stellt die bisherigen Antworten in leicht zugänglichen Diagrammen dar. Die ergänzenden „Deep Dive“-Stationen arbeiten mit verschiedenen Vermittlungsformaten wie Video- und Audiobeiträgen, Bildmaterial und Textelementen. Die CTS-Fragen wurden so konzipiert, dass sie allen Besuchenden zugänglich sind, da sie immer ausgehend vom eigenen Standpunkt sind und somit eine breite Beteiligung ermöglichen.

Entwickelt wurden die CTS vom Team des Deutschen Auswandererhauses innerhalb des bundesweiten Verbundprojektes „museum4punkt0 – digitale Strategien für das Museum der Zukunft“ mit dem Ziel, die Perspektive der Besuchenden aktiv in die Dauerausstellung einzubinden. Die erstellten Fragen dienen nicht nur der Gegenwartsforschung, sondern auch der Erfragung des Verständnisses und Erlebens viel-diskutierter politischer und wissenschaftlicher Themen wie beispielsweise der post-kolonialen Geschichtskritik. Implementiert wurden die CTS in der Dauerausstellung des Deutschen Auswandererhaus als Teil der zweiten großen Erweiterung des Migrationsmuseums in 2021. Seither haben über 4.000 Personen ihre Meinungen über die Stationen mit dem Museum und anderen Besuchenden geteilt. Bereits jetzt können wichtige Erkenntnisse aus den Antworten gezogen werden. Zur Frage „Möchten Sie im Ausland leben und arbeiten können?“ gaben beispielsweise 39% ein klares „Ja“. Bei der Frage „Kontrolliert man Sie an internationalen Grenzen wegen ihres Aussehens schärfer?“ gaben 81% der Teilnehmenden an, bisher von dieser Erfahrung nicht betroffen gewesen zu sein. Durch die eigene Erfahrung und das Teilen dieser erhält die Dauerausstellung eine weitere komplexe (Meta)Ebene. Diese verbindet sich mit den Inhalten der einzelnen musealen Räumen. Beispielsweise im Ausstellungsraum „Grand Central Terminal“: Dort geht es erstens um das Ankommen europäischer Ausgewanderter in Nord- und Südamerika und Australien, zweitens um das Zusammenleben in Einwanderungsgesellschaften und um die Geschichte von Ausbeutung, Versklavung, Vertreibung und Ermordung der indigenen Bevölkerung durch die Kolonist:innen. So wirft die CTS hier die Frage auf „Wofür sollte die Person Christopher Columbus in Schulbüchern vor allem stehen?“. Mehrfachantworten sind erlaubt. Immer noch 40% antworteten, Christopher Columbus solle vorrangig für „die Entdeckung des amerikanischen Kontinents“ stehen, 36% stimmten für die Antwort „den Beginn des europäischen Kolonialismus“, mehr als 20% für „die Versklavung und Ermordung karibischer Einwohner:innen“ und 17% für „eine Geschichtserzählung aus europäischer Perspektive“. So bieten nicht nur die Fragestellungen, sondern auch die Antwortmöglichkeiten Raum, um sich kritisch mit einem Thema und verschiedenen Perspektiven auseinanderzusetzen und somit auch die museale Inhalte für sich zu erweitern und/oder auch zu erschließen.

Die Antworten und die Wirkung(en) der CTS werden nach dem Erreichen einer höheren und damit repräsentativeren Teilnehmendenanzahl ausgewertet und veröffentlicht. Damit soll auch ein tiefgründigeres Verständnis zu den Verhältnissen zwischen Fragen und auch Antworten gewährleistet werden.
Außerdem finden thematische Bildungsprogramme anhand der CTS zum Meinungsfindungsprozess und zu einer kritischen Auseinandersetzung damit statt.
In der Besucher:innenumfrage, die das DAH jedes Jahr mit durchschnittlich rund 1.500 Gästen schriftlich und anonym durchführt, bewerteten im Jahr 2023 73 Prozent der Nutzer:innen die Stationen mit sehr gut bis ausgezeichnet. Weitere 21 Prozent urteilten mit gut. Nur 2 Prozent der Nutzer:innen fanden die Stationen nicht ansprechend. Die übrigen hatten die Stationen nicht genutzt.

Link zum Projekt

https://dah-bremerhaven.de/museum4punkt0